Erlebnisse von der Fahrt

 

 

 


Tag 0: Abflugtag, immer extrem aufregend, die Sorge um das Fahrrad, ob es am Zielflughafen ankommt und ob es noch fahrtuechtig ist wenn mehre Koffer draufgestapelt wurden...ich male mir meist die schlimmsten Szenarien aus, habe mir auch schon einen Radladen in Chengdu rausgesucht, falls das Rad defekt in China ankommt...
 
Dann aber alles extrem leicht: In Frankfurt wird der Check In von Lufthansa geregelt, die sind wie immer sehr freundlich und druecken bei 15 kg Uebergepaeck und einem Radgewicht von 21kg mit Karton {ich hab dass 13kg schwere Rad derart gut gepolstert, dass die Verpackung tatsaechlich 8 kg wiegt...} schmunzelnd beide Augen zu. Der Flug ist mit einer chinesischen Reisegruppe um mich herum sehr anstrengend, welcome to China, es wird beim Essen gespuckt und nach zu viel Bier mitten in der Nacht laut gesungen...
 
Tag 1: In China eine laengere Prozedur um zum Gepaeckband vorzudringen, die Polizisten aber alle sehr freundlich und umgaenglich {das habe ich frueher ganz anders erlebt}. Am Gepaeckband wartet bereits der Radkarton, ein Blick hinein genuegt, alles scheint in Ordnung. Mit meinen ganzen Radtaschen dann zum Zoll, erstaunlicherweise voellig ohne Probleme, am Ausgang noch ermunterndes Daumendruecken von schwerbewaffneten Soldaten angesichts meiner Ausruestung und frueh morgens um 6:00 bei schon 25 Grad heisst es auspacken und aufbauen...
 
Nach 1 Stunde ist es so weit, ich kann es kaum fassen dass es losgeht. Dass bei meinen Reisestarts uebliche "Schreien vor Freude" hebe ich mir auf, wenn keine Soldaten mehr neben mir stehen. Also Garmin anschaltet und los gehts, 75km flach bis Dujiangyan. Nach 100 Metern schreie ich vor Freude, weil es so unfassbar ist, das ich wieder in China radle, die Gerueche, das Licht, die Menschen so vertraut, als wenn ich erst gestern hier gewesen waere...Unmittelbar nach dem lauten Schrei und einer ersten Strophe ON THE ROAD AGAIN setzt der Garmin aus, friert ein, nichts geht mehr. Auf der Anzeige befinde ich mich mitten auf dem Rollfeld, vermutlich die Landebahn {Lieber Christian K., das sind die 200 Meter Verzerrung durch die Chinesen}. Entweder hat der Garmin Angst vor einem landenden Flieger bekommen, oder von meinem lauten Schrei, auf alle Faelle befindet er sich jetzt in einem Totstellreflex und ich weiss nicht wielange das bei Garmins so andauert..Aber ich habe ja noch meine Karte, 3 cm bis Dujiangyan, zwei Strassen, davon eine Autobahn, dazwischen zwei Punkte mit Staedtenamen, am ehesten nette kleine Doerfer {denk ich mir noch so, noch ganz im deutschen Denken verhaftet}, also fahr ich los...
 
3 Stunden speter weiss ich nicht mehr wo ich bin, nein, nicht ganz richtig, ich weiss wo ich bin, naemlich an der selben Stelle einer Autobahnauffahrt wie vor 1 Stunde. Ich kann den Namen Dujiangyan noch immer nicht richtig aussprechen, ich bin 45 km gefahren und noch immer in gewaltigen Hochhausschluchten, die meisten gerade im Bau befindlich - unfassbar was hier gebaut wird..Die meisten Chinesen sind sehr freundlich und nennen mir den Weg {aus Hoeflichkeit den Falschen um ihr Gesicht nicht zu verlieren, die wenigen unfreundlichen Chinesen bringen nur ein knappes MeJo hervor, also kurz: Keine Ahnung.} Da entdecke ich einen Kleinbusfahrer der gut Englisch kann und mir vor einer Stunde den falschen Weg gezeigt hat. Ich spreche ihn an, ihm ist es augenscheinlich hochnotpeinlich, dann versucht er mir anhand seines Smartphones auf einer Navi-Karte den Weg erneut zu erklaeren und nach 10 min ist voellig klar, dass ich mich hoffnungslos verfahren habe und der Weg extrem kompliziert ist, eine einfache gerade Strasse wie auf meiner Karte existiert nicht, durch die bestaendige Bauaktivitaet - so erklaert mir der Mann - veraendert sich bestaendig die Karte {Bestaendiger Wandel - Welcome to chinese thinking}. Schliesslich bittet er mich eindringlich, mich nach Dujiangyan fahren zu duerfen. Angesichts meiner Uebermuedung und des Jetleg willige ich ein. Die Fahrt ist eine Fahrt komplett durch bebautes Gebiet, ueberall entsehende riesige Hochhaussiedlungen, die Strasse ein staendiges Zickzack, nirgendwo Land oder gar die von mir gemutmassten Doerfer...10km vor Dujiangyan dann erstmals ein Wegweiser nach Dujianyan...und dieses Dorf selber ist mit 500.000 Einwohnern zwar kleiner als Chengdu mit 15 Millionen, aber immer noch gross genug um sich ordentlich verfahren zu koennen...
 
Dann  ein typisch chinesisches Hotel in der wunderschoenen Altstadt, ein Traum von einer Altstadt...zunaechst wird die Polizei geholt, die meinen Pass und das Visum prueft aber sehr nett ist und einfach nur ihre ungeliebte Pflicht tut. Hier gibt es keine sonstigen Auslaender, aber viele chinesische Touristen, die ihren Spass daran haben, dass ich so gross bin und eine unfassbar lange Nase habe...
 
In einem Strassenrestaurant goenne ich mir endlich was leckeres zu essen, da die Speisekarte auf Chinesisch ist, muss ich erst einmal die Kueche besuchen - schliesslich nehme ich dasselbe wie meine Tischnachbarn, das sieht zwar undefinierbar aus, aber den Tischnachbarn scheint es ja zu schmecken. Als ich zu essen beginne versammelt sich schnell eine Traube von Passanten um mich herum und bei jedem erfolgreichen Einsatz der Staebchen zum Reisessen gibt es ein lautes OHHHH....Als es mir nach 10 min gelingt ein Bier zu bestellen und ich zum Trinken ansetze hoehre ich von der Menschenmenge ein lautes freundliches Lachen. Einige der Zuschauer setzen sich schliesslich an andere Tische {...in der ersten Reihe sehen sie gut...} und bestellen auch was... die Besitzer des kleinen Restaurants freuen sich...und ich gewoehne mich so langsam an die Blicke und das Angestarrt werden, auch der grosse Spass den die Kinder beim Anblick meiner Haare an den Armen haben kommt mir schon wieder sehr bekannt vor...{ich wuerde in der Koelner Innenstadt ja auch einen freilaufenden Affen unglauebig anstarren...}
 
Tag 2: Heute ist Sonntag, alle Geschaefte haben geoeffnet, nach einem chiensischen Hotelfruehstueck mit Reis und kaltem scharfen Gemuese besorge ich mir erst einmal Nescafe-Pulver um mich wach zu bekommen und begebe mich auf die Suche nach einem Internetcafe. Es dauert fast eine Stunde um ein Internetcafe zu finden, Chinesen haben mittlerweile alle Smartphones, so dass sich reine Internetcafes eruebrigt haben. Draussen regnet es und morgen will ich weiterradeln, der Garmin hat sich wieder erholt {Lieber Christian K, die OSM-Karte von Africanexpedition schein zu funktionieren!!! Danke schon mal fuer Deine Hilfe im Vorfeld...}, fuer die kommenden Tage ist Regen und in den Bergen Schnee angesagt, ich brauche ca. 200 km um auf die andere Seite der Berge zu kommen wo mich Sonnenschein erwartet...
 
Ich habe das Gefuehl, schon 2 Wochen unterwegs zu sein, dabei sind es erst zwei Tage. Das ist das eigentlich besondere an dieser Art zu reisen: Minuetlich hat man neue Eindruecke, nie weiss man was als naechstes kommt, alles ist extrem fluechtig und verdichtet zugleich, das Zeiterleben wird gedehnt. Zu Hause ist alles real Sichtbare immer fast gleich, die Strecke zur Klinik fahr ich fast im Schlaf und die Trainingsstrecken auf dem Rennrad bin ich so tausendfach abgefahren, dass ich schon die Namen der Doerfer vergessen habe..

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© Karsten Wolf