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Um gut aus Dujiangyan hinaus zukommen verließ ich mich wieder auf den Garmin, der mich aus unerfindlichen Gründen erst einmal 2 km in die falsche Richtung lotste. Ich war noch zu müde um zu merken, dass ich gen Süden fuhr, also in die entgegengesetzte Richtung! Plötzlich korrigierte sich der Garmin mit der Anzeige "Berechnungsfehler" und führte mich wieder geradewegs zum Hotel zurück. Ich nahm es als nette, sportliche Aufwärm-Übung und folgte den weiteren Anweisungen des Garmin, der mich jetzt auf der Ostseite des Flusses in extrem steile Anstiege im Panda Nationalpark führte. 
Nach 700 Höhenmetern und Schweiß gebadet angesichts der subtropischen Feuchtigkeit in der Luft zweifelte ich zunehmend an der Streckenführung und verschaffte mir einen Überblick über die geplante Strecke. Es war nie und nimmer die ursprünglich geplante Strecke, allerdings führte sie laut Garmin irgendwann auch wieder auf die G317. Da ich schon so viele Höhenmeter geleistet hatte anstatt flach (!!!) einfach über eine, vom Hotel nur 3 km entfernte Brücke zur G317 zu fahren, nahm ich mir vor, mich jetzt einfach nicht zu ärgern, sondern mich in chinesischem Denken (oder das was ich aus europäischem Denken heraus für chinesisches Denken halte) zu üben - also fuhr ich weiter den (am Ende 17 km langen und 1300 Höhenmeter fassenden) Umweg durch Panda Gebiet und sagte zu mir selbst: "Irgendetwas hat dich auf diesen Wege geführt, daher beschreite ihn weiter auch wenn er beschwerlich erscheint, am Ende ist es in der leichtere Weg." :)
Minuten später erreichte ich einen genialen Aussichtspunkt mit weitem Blick über das große Tal (und mit Blick auf die flache Variante des heutigen Weges -"nicht ärgern, der Weg ist das Ziel...").
Irgendwann erreichte ich einen Nebenfluss, den ich jetzt hoch radeln musste, da die einzige Brücke die mir der Garmin vorschlug eine von der kleineren Landstraße aus nicht erreichbare Autobahnbrücke war. Also wieder steil rauf, dann eine kleine Brücke rüber und alles auf der anderen Seite wieder runter (ich musste mich mittlerweile fast anschreien: "Karsten, verdammt noch mal, denk Chinesisch...)
Am Ursprungsfluss angelangt, wollte mich der Garmin über eine Brücke lotsen die definitiv nicht existierte (oder gelang es meinem Garmin angesichts der Anstrengung nur nicht, die Brücken-Realität für mich zu konstruieren), einige Kilometer später folgte eine Brücke deren Zugang zugemauert war (Jetzt dachte ich an den Film Matrix: "...bitte lass diese doofe Mauer nur eine Illusion sein", aber wie sehr ich mich auch anstrengte, die Mauer blieb eine Mauer - sicherheitshalber habe ich die Mauer noch fotografiert und gefilmt, ...wer weiß...).
Nach einigen Kilometern auf der falschen Flussseite folgte endlich eine Brücke die der Garmin nicht kannte. Verwirrt von der Frage von Realität und Illusion fuhr ich einfach drüber - und die Brücke hielt. Dann hieß es auf der anderen Flussseite wieder ein paar Kilometer zurückfahren, denn dieG317 befand sich 200 m steil über mir. Nach einem gigantischen Umweg zweigte ich endlich auf die die 317 ab, an einer Stelle an der ich ohne einen Tropfen Schweiß zu verlieren schon vor über einer Stunde hätte sein können. Aber ich ärgerte mich einfach nicht sondern dachte mir, ich hab doch unendlich viel Zeit, ich lass mich einfach treiben, dann kommt das richtige auf mich zu. Nach der Einbiegung auf die G317 erblickte ich 100 m mir voraus zwei Chinesische Radfahrer mit MTB (Giant + Kendoreifen) und leichtem Gepäck, die sich auf dem Weg zum ehemaligen Epizentrum des schweren Erdbebens vom 2012 befanden, nachdem ihr IT-Professor Ihnen körperliche Ertüchtigung aufgetragen hatte. Die beiden waren eine Stunde nach mir in Dujiangyan gestartet, aber jetzt hatte ich eine geniale Rad-Gemeinschaft. Die beiden überzeugten ein paar Polizisten, erstens mich nicht zu kontrollieren und uns zweitens durch einen noch im Bau befindlichen neuen Tunnel fahren zu lassen, was sich als gewaltige Abkürzung von sage und schreibe 18 Km herausstellte.
Das chinesische Denken hatte also funktioniert. 

Im Dorf beim Epizentrum aßen wir noch gemeinsam zu Mittag und verabschiedeten uns, ich fuhr nun weiter auf einer Schotterpiste. Nach dem Erdbeben hatte man innerhalb von vier Jahren eine komplett neue bis dahin gar nicht existierende Autobahn gebaut mit riesigen Brücken und langen Tunneln ohne Ende, war aber mit der Landstraße G317 noch nicht ganz fertig geworden. (Bedenkt man aber, dass außer dieser Autobahn auch noch 700.000 neue Häuser und eine komplette Infrastruktur innerhalb von vier Jahren aufgebaut wurde, dann denkt man lieber nicht an die 100 m lange Baustelle in Bergisch Gladbach die nach vier Jahren immer noch nicht fertig ist.)

Nach 10 km Baustelle kam ich an einem dunklen noch im Bau befindlichen Tunnel von circa 2-3 km Länge an, der ordentlich abschüssig war und ich wegen schlechter Sicht immer wieder bremsen musste. Mitten im Tunnel tauchte plötzlich rechts neben meinem Fahrrad im Scheinwerferlicht eine hockende Gestalt auf die plötzlich aufsprang und wenige Meter weiter tauchte plötzlich bei immer noch voller Fahrt vor meinem Fahrrad ein von der Decke zum Boden gespannter Draht auf, dem ich nur knapp ausweichen konnte - Eine Geisterbahn ist da nichts gegen! (ich bin mal auf das Video gespannt, das ich zufällig von der Tunnelfahrt gedreht habe...)
Irgendwann hörte die Baustelle aber auf und endete an einer halbfertigen Brücke. Ich hatte nun die Wahl, entweder die fehlenden 10 Meter der Brücke zu fliegen oder durch den Fluss zu schwimmen. Letztlich entschied ich mich dazu auf die Autobahn zu wechseln, für weitere 20 km wirklich die einzige Möglichkeit weiterzukommen. Zwei Verkehrspolizisten ermunterten mich wieder und wieder, dass meine Fahrt mit dem Fahrrad über die Autobahn in diesem Falle erlaubt sei - und das trotz eines eindeutigen Schildes, das Fahrradfahrer auf der Autobahn nichts zu suchen haben. Ich erinnerte mich an den Studenten, der sagte: Regeln sind biegsam wie das Schilfrohr im Wind. Das ist nun tatsächlich typisch chinesisch und im Deutschen müsste man dann sagen: Regeln sind hart wie Krupp Stahl.
Auf der Autobahn befand sich ein sehr breiter und fein säuberlich gefegter Standstreifen auf dem ich nun ganz langsam bergauf radelte, neben mir bretterten Lastwagen an mir vorbei und Autos fuhren mit gefühlten 300 km/h. Einige Kilometer weiter führte die Autobahn auf eine riesig große Brücke die von einem transparenten Sichtschutz begrenzt wurde, um den herrlichen Ausblick zu ermöglichen. Aber angesichts meiner Höhenangst zwang ich mich nur, möglichst exakt in der Mitte des Seitenstreifen zu fahren, starr auf den Boden zu blicken und bloß nicht hinunter in die mehrere 100 m tiefen Schlucht zu schauen. Als ich irgendwann einmal etwas entspannter meinen Blick hob sah ich bereits den nächsten Horror auf mich zukommen: die Autobahn lief geradewegs auf einen Tunnel zu, der sich als der Eingang zur Hölle entpuppte. Rechts neben mir der gefühlte Abgrund, links neben mir die rasenden Autos auf der Autobahn und vor mir ein ansteigender (2-4%) 9 km (!!) langer Tunnel mit zwei Fahrstreifen, aber ohne (!!) jeglichen Seitenstreifen.

Da eine Rückfahrt gegen den Autobahnverkehr unmöglich schien, nahm ich allen meinen Mut zusammen und sprintete in den Tunnel hinein. Nach wenigen 100 Metern musste ich bereits mein Tempo erheblich vermindern, wurde aber auch von Kilometer zu Kilometer entspannter als ich feststellen musste, dass die chinesischen Autos und Lastwagen extrem Rücksicht nahmen. Besonders bewährte sich jetzt mein starkes Flash Light (das in Deutschland nach der Straßenverkehrsordnung strengstens verboten wäre), sowie insbesondere mein Garmin Radar, das zuverlässig anzeigte, wenn wieder irgendeine Lastwagenkolonne von hinten anbrauste. 

Nach insgesamt 20 km Autobahnfahrt nahm ich die nächste Ausfahrt in ein kleines wunderschönes Dorf, das den Beginn von Ost Tibet kennzeichnete. Hier kam ich in einer netten Absteige unter ohne bei der Polizei gemeldet zu werden.

83 km und 3400 Höhenmeter, dazu dieser Autobahn-, Tunnel- und Baustellenstress, ich war ziemlich am Ende und ahnte da noch nicht, welch trister Regentag folgen sollte.

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© Karsten Wolf